27.Aug

Odysseus, Fahrräder [Gerald Raunig, Tausend Maschinen]

… wenn es darauf ankommt, können die Geschichten ohne die Fahrräder nicht anfangen, können sie als Geschichten nicht anfangen, wenn sie sich je nicht an Fahrräder anschliessen. Darum und um einiges mehr geht es im neuen Band von Gerald Raunig, Tausend Maschinen [Turia+Kant, Wien, 2008].  Dieses angesprochene Mehr, das bündig nur auf etwas mehr als [...]

By admin

… wenn es darauf ankommt, können die Geschichten ohne die Fahrräder nicht anfangen, können sie als Geschichten nicht anfangen, wenn sie sich je nicht an Fahrräder anschliessen. Darum und um einiges mehr geht es im neuen Band von Gerald Raunig, Tausend Maschinen [Turia+Kant, Wien, 2008]. 

Dieses angesprochene Mehr, das bündig nur auf etwas mehr als hundert Seiten verhandelt wird, ist die Geschichte einer intellektuellen Rekupperation, einer widerständigen Wiederaneignung eines Begriffs und mit ihm zusammenhängender Praktiken. 

Maschine, soll sie heute, hier und jetzt, etwas bedeuten, muss mindenstens zwei Kriterien genügen. Erstens gilt es die Maschine jenseits der technizistischen Verengung (wieder-) zu denken, denn – wie Raunig zeigt – ist das Verstehen des Maschinischen als eines nur Werkzeughaften, dem eine bestimmte Teleologie beiligt, neueren Datums, und als solches ist dieses Verstehen eine Engführung der wesentlich breiter und anderweitig konzipierter antiker mechane und machina. Mit Marxens Maschinenfragment aus den Grundrissen, aber eigentlich erst mit dem Denken und künstlerischen Praxen des 20. Jahrhunderts wird das Maschinische dieser Einschliessung entrissen, um dann als ein heterodoxes Maschinische in dem Jahrzenten seit den 1960ern aufzutauchen. In Sinne dieser ganz bestimmten Aufgabe ist Raunigs Band auch eine Rekapitulation der besagten intellektuellen Bewegung, ein kreatives und transversales Zusammenführen verschiedenartiger Motive.

Und, zweitens, und in unserem Kontext, werde ich behaupten, die wichtigere Aufgabe, die sich und uns Raunig stellt, ist es, die so neu, heterodox gedachte Maschine als eine soziale zu fassen. Denn, obwohl bei Raunig so nirgends gesagt, ist gerade das Soziale jene glatte Oberfläche, jene Ebene der Verkettungen und Einschnitte der Ströme. Im Sinne der phänomenologischen Denktradition, der sie sich verweigert, ist das Soziale als Maschinisches weder die Welt, noch die Umwelt, und noch weniger deren Kombination  [Welt : Schaffung aus dem Nichts, Umwelt : infinite Anschliessbarkeit]. Das Maschinische  muss, soll es nicht als ein Stop-and-Go Verkehrsfluss der Menschen, Tiere und der noch dazugerechneten technischen Apparaturen gedacht werden, also als ein permanentes Oszillieren zwischen zwei Extremen, dieses Maschinische muss als disjunktive, anarchische [chaotische] und gesellschaftliche Bewegung verstanden werden. Das heisst, als eine Maschinerie, die nicht auf die zwei Stellungen reduzierbar ist [Pause : Arbeit, Subjekt : Objekt, Innen : Aussen, Welt : Umwelt, Bewusstsein : Kommunikation]. Schwierig zu denken, möglich aber zu erzählen und zu zeigen und zu spielen.

 

***

 

… wenn es darauf ankommt, wenn es auf die Fahrräder und Geschichten bei Raunig ankommt, wenn die Fahrräder-Geschichten [das ist wohl die korrekte Übersetzung für general intellect, oder?] matters-of-fact sind: ja, dann kenn ich nur zwei Sachen zu Odysseus. Aus zweiter Hand, zugegeben, aber tut nichts zur Sache. Kenne sein Paradoxon, kenne seine Antwort. Zu Fahrrädern kenn ich sogar weniger, möge der Autor mir verzeihen, wenn ich also – aus zweiter Hand, wohlbemerkt – von Geschichten erzähle. 

Denn Odysseus, der Vielbeschlagene, ist gerade jene Figur, die das (Proto-) Maschinische in seiner irreduziblen Zweiheit verköpert, die Kriegs- und die Theatermaschine zusammenführend. Listig und vereinnahmend, umtriebig. 

Antwort: Keiner. Dem Zyklopen gegenüber tarnt er sich in Worten, das Wer mit dem Was vertauschend. Somit den Eigennamen streichend, und damit vielleicht, im selben Zuge, alle Namen aller Geschichten verunmöglichend. Was so viel heissen soll, dass Geschichten keine Namen tragen können, oder dies wenigstens nicht von Bedeutung ist, dass sie aber als Geschichten wohl etwas sind. Maschinen, nämlich.

Paradoxon: Am Hof des Phaiakenkönigs hört Odysseus, unerkannt, die Geschichte seiner Heldentaten. Bricht zusammen, weinend. Für Adriana Cavarero Anlass genug, um die, ihrer Meinung nach, Gegenbenheit  herauszustreichen, dass wir überhaupt erst werden, wenn die anderen uns erzählen. Dass wir, sozusagen, erst werden, indem die anderen von uns betrogen, vereinnahmend betrogen werden, um dann uns so etwas wie unsere eigene Lebensgeschichte vor-zu-erzählen.  Die Machination dieses Durch-die-Anderen-erzählt-werden wäre in diesem Zusammenhang als die intensivste Maschine zu bezeichnen. Lektion darüber, dass obwohl in den Geschichten Namen nichts zur Sache tun, es wohl nicht-vereinnahmbare Überreste gibt, die die ganzen Differenzen ausmachen.  

 

(to be continued)

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One Comment

  1. stevan added these pithy words on September 14, 2008 | Permalink

    versprechen sollte man halten, auch wenn sie nur auf theoriebezogenen freund- und feindschaften begründet sind. da du mir das besprochene buch zu schicken noch schuldig bist, kann ich zur eigentlichen besprechung nichts verantwortungvoll vertretbares sagen.

    etwas leichtfertiger angegangen ließe sich vielleicht die randbemerkung anbringen (als hang immer schon ein indikator elitären intellektuellen spielverderbertums, mindestens von adorno bis derrida), dass zumindest die formel vom “permanenten oszillieren zwischen zwei extremen” die spukhafte vermutung aufkommen lässt, man habe es auch bei dieser art des deleuzeianisch-maschinischen wieder nur mit einer metaphorischen verschiebung der tausendfach totgesagten dialektik zu tun.

    deren verleugnetes fortbestehen unter tausend neuen deck- und fluchnamen aufzudecken, wäre einer lebensaufgabe würdig (d. h. falls sich noch jemand finden sollte, der an das konzept einer ‘lebensaufgabe’ offen zu glauben bereit ist). und könnte einem am ende doch nur die bittere klage einfahren, dass diejenigen, die im neuen immer nur das alte zu sehen bemüht sind, gerade das wertvollste an ihm opfern. die implizierte wette, die das rein deskriptive nicht erfassen kann. die hoffnung auf die erneuerung performativer effizienz, die jede neue namensgebung mit sich führt und sie vielleicht allein auch rechtfertigen kann.

    den versuch einer weiteren ausführung erspare ich mir (und dir). es besteht immer die möglichkeit, sie könnte als provokation aufgefasst werden.

    stattdessen nur soviel: die auflösung des fahrradrätsels bist du noch schuldig, ebenso wie die geschichtsphilosophische argumentation, die ihm zugrunde liegt. andeutungen setzen – und das macht sie der ironie eng verwandt – die gemeinsame teilnahme an einem doppelbödigen kod voraus. wo einsicht in diesen auch auf anfrage verweigert wird, müsste angenommen werden, der eigentliche kommunikationszweck liege in der inszenierung der kommunikationsverweigerung selbst. soziologisch gesprochen (pour leo!): sie wäre reine distinktionsstrategie.

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